SPD Ortsverein Wolbeck

Die Geschichte des SPD-Ortsvereins Wolbeck
entnommen der Festschrift "50 Jahre SPD-Ortsverein Wolbeck'

Die SPD in Wolbeck: Die ersten 40 Jahre

1. Die Gründerjahre: 1946-1957

Sieben Flüchtlinge und Vertriebene waren es, die in Wolbeck am 1. Juli 1946 den SPD Ortsverein Wolbeck gegründet hatten. In der Wohnung von Hermann Plaschke hatten sie sich versammelt. Für den feierlichen Rahmen sorgte eine Flasche schwarzgebrannten Schnapses für 300 Reichsmark, die sein Sohn Helmut ergattert hatte, der an diesem Tag seinen 30. Geburtstag feierte und zugleich der SPD beitrat.

Die Schaffung einer politischen Vertretung für die Durchsetzung der legitimen Interessen der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten, die durch die Kriegsereignisse in das Münsterland verschlagen worden waren, war der Hauptzweck dieser Ortsvereinsgründung. Für viele Jahre bestimmte dieses Ziel die Entwicklung des Ortsvereines.

Sie alle kamen aus den besetzten Ostgebieten jenseits von Oder und Neiße. Von ihnen soll Hermann Plaschke besonders hervorgehoben werden. Er kam aus Waldenburg/Schlesien. Vor dem Krieg war Waldenburg eine mittlere Stadt, deren wirtschaftliche Grundlage der Bergbau und die Industrie war. Der politische Einfluss der SPD war stark. Hermann Plaschke gehörte dem Stadtrat bis 1933 an. Unter völlig veränderten Voraussetzungen musste und konnte er seine politische Arbeit 1946 in Wolbeck fortsetzen.

Weitere Genossen schlossen sich dem Ortsverein an. Willy Urbscheit aus Ostpreussen kam 1947 nach Wolbeck; aus Breslau kam Erich Hoffmann, der 1927 in die SPD eingetreten war. 1949, nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, kam er nach Wolbeck.

Es war eine schwierige Zeit. Die Not war überall gross und die Lebensverhältnisse der Menschen verbesserten sich nur langsam. Erst in den 50er Jahren ereignete sich das sogenannte "Wirtschaftswunder", und das auch nicht für alle in gleicher Weise.

Der 2. Weltkrieg hatte die Sozialstruktur der Gesellschaft in Deutschland tiefgreifend verändert. Eine riesige Bevölkerungswanderung war durch die Kriegszerstörungen ausgelöst worden. Wolbeck blieb davon nicht unberührt. Für das benachbarte Angelmodde liegen Zahlen vor, die das Ausmass dieser Veränderungen punktuell deutlich machen. So lebten 1939 in Angelmodde 860 Einwohner, 1945 waren es 1450. Das ist eine Zunahme von 68,5%. 530 von ihnen waren Evakuierte (36,55 %), die im Bombenkrieg ihre Wohnung verloren hatten, die aus dem Osten vertrieben worden waren oder durch sonstige kriegsbedingte Umstände nach Angelmodde verschlagen worden waren. Das statistische Material für Wolbeck aus dem Jahr 1956 zeichnet ein ähnliches Bild. Von 1939 bis 1956 wuchs die Bevölkerung im Amt Wolbeck um 54,68%. Von den 12.280 Einwohnern waren 1.850 Flüchtlinge (15,9%). Im Landkreis Münster hatten sich 1939 rund 94% der Bevölkerung zum katholischen Glauben bekannt, 1956 war dieser Anteil auf 82,68% abgesunken, dafür war der Anteil der Evangelischen im Landkreis Münster von 5,2% im Jahr 1939 auf 16,8% im Amt Wolbeck angewachsen.

Obgleich diese Prozentzahlen nicht unmittelbar miteinander gleichgesetzt werden dürfen, so markieren sie doch die allgemeine Tendenz der Bevölkerungsentwicklung in Wolbeck.

Diese Entwicklung war in den Gemeinden Wigbold und Kirchspiel unterschiedlich. Aufgrund seiner kleinstädtischen Struktur mit nur geringen Ausdehnungsmöglichkeiten war der Bevölkerungszuwachs im Wigbold relativ gering (31,94%). Das ländlich strukturierte Kirchspiel, dessen Bauernhöfe Wohnraum für die Evakuierten bereitstellen musste, wuchs dagegen sehr stark (178,75%).

Die materielle Not war in den ersten Jahren sehr gross. Um wenigstens ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit sicherzustellen, unterlagen nahezu alle lebensnotwendigen Güter der Zwangsbewirtschaftung ("Bezugsscheine"). Den lokalen Verwaltungsorganen oblag es, diese Zwangsbewirtschaftung im Einzelfall zu organisieren. Der Blick in die Gemeinderatsprotokolle vom Wigbold und Kirchspiel zeigt, mit welchen Schwierigkeiten die Verantwortlichen kämpfen mussten. Am 23.5.1947 zum Beispiel widerriefen die Gemeindevertreter eine Bewilligung für ein Fahrrad, weil der Begünstigte es nicht entsprechend benutzte.

Im Oktober 1947 protestierte der Gemeinderat öffentlich, weil die zuständige Wohnungsbehörde eine freigewordene Wohnung nach 14 Tagen immer noch nicht einem anderen Berechtigten zugewiesen hatte.

1948 befasste sich der Gemeinderat mehrmals mit der Zulassung eines zweiten Geschäftes für den Fischverkauf. Die Unterversorgung der Wolbecker mit Fisch wurde damit zwar nicht beseitigt, wohl aber wurden dadurch die ärgerlichen Begleitumstände wie das Schlangestehen bei der Einlösung der Lebensmittelmarken gemildert. 1951 mussten die Gemeindevertreter eine allgemeine Beihilfe für die Weihnachtsbescherung bedürftiger Kinder von Ostvertriebenen ablehnen, sie bewilligte aber in begründeten Einzelfällen einen Zuschuss in der Gesamtsumme von 50,- DM.

Die Milderung und die Beseitigung der Not war der Schwerpunkt der politischen Arbeit der Sozialdemokraten. Der Stil des politischen Handelns war personenbezogen. Die Parteien spielten zumindest auf der lokalen Ebene als Parteien keine herausragende Rolle. So verzeichneten die Ratsprotokolle aus jenen Jahren grundsätzlich nicht die Zugehörigkeit der Ratsmitglieder zu Parteien. Nur gelegentlich eines Parteiwechsels wurde dies vermerkt. Einen Hinweis auf eine Fraktion verzeichnete das Protokoll erstmals 1951. Die Besetzung eines Ausschusses ausdrücklich nach dem Parteienproporz wurde zum ersten Mal 1956 notiert. Seit 1969 ist auch in den Protokollen eindeutig sichtbar, dass die Fraktionen der Parteien das politische Geschehen bestimmten und die Personen hinter den Fraktionen zurücktraten.

Als Gliederung der Partei hatte der Ortsverein in den Anfängen keine Chance, auf das lokale Geschehen politischen Einfluss zu nehmen, seine führenden Mitglieder waren jedoch als Personen respektiert. Hermann Plaschke war als Sprecher der Vertriebenen an den Entscheidungen der Selbstverwaltungsorgane beteiligt. Bei der Gemeinderatswahl am 17.10.1948 wurde er in den Rat vom Wigbold gewählt. Als Mitglied des "Wohlfahrtsauschusses" konnte er die Interessen der Vertriebenen unmittelbar zur Sprache bringen. 1951 wurde er Vorsitzender des Wohnungsausschusses, der über die Verteilung und Zuweisung des zwangsbewirtschafteten Wohnraumes zu entscheiden hatte. Im selben Jahr wurde er bei der jährlich anstehenden Bürgermeisterwahl vom Gemeinderat zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt. Neue, zeitgemässere Formen des politischen Handelns wurden von ihm angeregt und in die Arbeit des Gemeinderates eingeführt - 1949 beantragte er die Ausarbeitung einer Geschäftsordnung für den Gemeinderat, die von einer Kommission ausgearbeitet wurde, der keine gebürtigen Wolbecker angehörten, sondern nur Zugezogene.

Ebenso regte Hermann Plaschke an, die Sitzungen des Gemeinderats öffentlich abzuhalten, jedoch war die Resonanz bei der Bürgerschaft dürftig. Nach seinem frühen Tod am 15.12.1951 rückte sein Sohn Helmut am 22.1.1952 als Gemeindevertreter für die SPD nach.

Die Wahl vom 09.11.1952 brachte der Wolbecker SPD einen sichtbaren Erfolg. Helmut Plaschke verteidigte sein Mandat im Wigbold; im Kirchspiel zog der Genosse Hüffner in den Gemeinderat ein. Für ihn rückte 1953 Karl Hoffmann nach, und nach dessen Wegzug folgte 1955 Erich Hoffmann. Der zweite SPD-Vertreter im Kirchspiel war Bernhard Kaup, der die Interessen der Kriegsopfer in Wolbeck verbandsmäßig vertrat und damals der SPD formal noch nicht als Mitglied angehörte.

Die besondere Stellung von Bernhard Kaup war typisch für das politische Klima, in dem die Sozialdemokraten in Wolbeck arbeiten mussten. Bernhard Kaup ist ein Wolbecker, und in jenen Jahren war es für einen Wolbecker faktisch unmöglich, Mitglied der SPD zu werden, ohne sich gesellschaftlichen Repressalien auszusetzen. Offen wurden "die Roten" angefeindet und auch die Kirche verhielt sich wenig christlich. Bei den Flüchtlingen und Vertriebenen, die überdies fast ausnahmslos auch noch evangelisch waren, wurde eine SPD-Mitgliedschaft toleriert, nicht aber bei den Einheimischen. Erst später konnte es Bernhard Kaup riskieren, bei der SPD auch formal Mitglied zu werden, ohne deswegen gesellschaftlich diskriminiert zu werden.

Auch die veröffentlichte Meinung war der SPD wenig freundlich gesonnen. Die "Westfälischen Nachrichten", die in Wolbeck überwiegend gelesen wurden, scheuten sich nicht, offen Wahlpropaganda für die CDU zu machen und die Grundsätze einer objektiven Berichterstattung zu missachten.

Trotz dieser äusserst widrigen Bedingungen fand die Arbeit der Sozialdemokraten im Gemeinderat bei den Wählerinnen und Wählern zunehmend Anerkennung. Aus der Wahl am 28.10.1956 gingen sie gestärkt hervor. Erich Hoffmann, Bernhard Kaup und Helmut Plaschke wurden wiedergewählt; Willy Urbscheit und Gustav Zirpins zogen neu in den Gemeinderat vom Kirchspiel ein.

In dieser Zeit hatte der Ortsverein ca. 50-60 Mitglieder. Gesicherte Zahlen liegen erst seit 1970 vor. Erich Hoffmann berichtet, dass sie damals ca. 30 Männer waren. Um dem Ortsverein mehr Gewicht zu geben, waren auch ihre Ehefrauen dem Ortsverein beigetreten. Den Ortsverein führte Willy Urbscheit, der nach dem Tode von Hermann Plaschke 1952 den Vorsitz übernommen hatte.

2. Anerkennung und Veränderungen: 1957-1975

Mit dem Zusammenschluss der Gemeinden Wigbold und Kirchspiel zur Gemeinde Wolbeck am 01.04.1957 begann auch für den SPD-Ortsverein bei der Wolbecker Einwohnerschaft der Prozess der Anerkennung. Die Struktur seiner politischen Arbeit hat sich seit 1969 grundlegend verändert. Dieser Wandlungsprozess ist nur vor dem Hintergrund der allgemeinen politischen Situation in Wolbeck und in der Bundesrepublik zureichend nachzuzeichnen.

1957 war die ärgste Not überwunden. Die Wirtschaft prosperierte (das sogenannte "Wirtschaftswunder"). Die neu entstandenen Strukturen der Gesellschaft konsolidierten sich. In Wolbeck verloren die krassen Gegensätze ihre Schärfe: hier die Einheimischen - da die Evangelischen. Die Tendenz, lokale Gemeinschaften zusammenzufassen, bestimmte die Politik auf der kommunalen Ebene. Die Bildung der Gemeinde Wolbeck war nur ein erster Schritt. Es folgten die Versuche, Wolbeck mit Angelmodde zu einer Grossgemeinde zu verschmelzen. Den Abschluss bildete die kommunale Gebietsreform vom 1. 1. 1975: Wolbeck wird ein Stadtteil von Münster.

Auch die Ereignisse der "grossen Politik" strahlten auf Wolbeck aus. Die entscheidenden Stichworte aus SPD-Sicht sind hier: das Aufbegehren der akademischen Jugend Ende der 60er Jahre und die sozialliberale Koalition unter dem SPD-Bundeskanzler Willy Brandt ab 1969.

Auf der Bundesebene hatten sich die drei Bundestagsparteien SPD, CDU/CSU und FDP etabliert; diese Entwicklung setzte sich auch in Wolbeck durch. Bis 1969 war das Zentrum bei ständig schwindendem Einfluss führend und verschwand 1975 von der politischen Bühne. Seine Wählerschaft hatte sich mehrheitlich zur CDU hin orientiert. Tonangebend wurden die Parteien. Die handelnden Personen traten hinter ihren Parteien und den sie prägenden Apparaten zurück.

Am Stil der Gemeinderatsprotokolle ist dieser Wandel des politischen Stils belegbar. Seit 1969 wurden alle wichtigen politischen Probleme nur noch unter den Parteibezeichnungen aktenkundig gemacht: Antrag der SPD-, (CDU-, FDP-) Fraktion.

Die im Wigbold und Kirchspiel begonnene Arbeit wurde in der Gemeinde Wolbeck fortgesetzt. Die Wahl zum Gemeinderat von Wolbeck am 23.06.1957 zeigte, dass die Wählerschaft der SPD stabil war. Aufgrund der Wahlarithmetik gelang es aber nur Bernhard Kaup, Helmut Plaschke und Willy Urbscheit, ein Mandat zu erlangen.

Die folgende Wahl am 19.03.1961 war für den Ortsverein ein wichtiger Erfolg. Die SPD vergrösserte ihren Stimmenanteil um 5,65% auf 23,15% und erlangte damit vier Mandate. Egon Bröskamp, Helmut Plaschke und Willy Urbscheit wurden direkt gewählt. Bernhard Kaup zog über die Reserveliste in den Gemeinderat ein.
In zweifacher Hinsicht ist diese Wahl bemerkenswert. Zum ersten Mal deutete das Wahlergebnis darauf hin, dass das Wählerpotential der SPD durch die Zuzüge nach Wolbeck vergrössert wurde. Dadurch verringerte sich immer stärker der Gegensatz zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen. Den Anfeindungen, unter denen die SPD zu leiden hatte, wurde damit der Boden entzogen. Nun wurde auch die SPD für die Wolbecker zu einer attraktiven politischen Alternative. Es war sicherlich kein Zufall, dass Egon Bröskamp und Bernhard Kaup, die beide aus Wolbeck stammen, 1961 Mitglied der SPD wurden. Beide berichten übereinstimmend, dass es ihnen nun möglich war, sich auch formell zur SPD zu bekennen, ohne deswegen gesellschaftliche Diskriminierungen in Kauf nehmen zu müssen.
Der zweite Aspekt dieser Wahl ist die politische Zusammenarbeit von Zentrum, FDP und SPD im Gemeinderat gegen die CDU. Diese Koalition wählte Bernhard Kaup zum stellvertretenden Bürgermeister.

1963 gab Helmut Plaschke sein Mandat auf. Er wurde Angestellter im Amt Wolbeck. Für ihn rückte Gustav Zirpins nach.

Bei der Wahl am 28.09.1964 war die SPD wiederum erfolgreich. Karl Dammann erlangte für die SPD das fünfte Mandat: Mit der Schlagzeile "Die SPD holte auf" mussten sogar die "Westfälischen Nachrichten" dies zur Kenntnis nehmen. Obgleich die CDU bei dieser Wahl einen grossen Stimmengewinn erzielen konnte, änderte sich am politischen Kräfteverhältnis im Gemeinderat nichts.

In der Zusammenarbeit mit dem Zentrum und der FDP konnte die SPD das politische Geschehen in Wolbeck in einem bescheidenen Umfang aktiv mitgestalten. An den Bemühungen, Wolbeck zu einem Kneipp-Kurort zu machen, war Bernhard Kaup entscheidend beteiligt. Davon zeugt noch heute der Schlossgarten.
Noch immer war der Stil der politischen Arbeit personenbezogen. Zumindest auf der lokalen Ebene war der Wahlkampf noch eine persönliche Sache des Kandidaten. So erzählte Egon Bröskamp, dass er seine Wählerstimmen bei manch einer Runde Bier in der Kneipe zusammengeholt hat.

3. Kontinuität und Konflikte: 1969-1975

In den Jahren nach 1969 wurde der Ortsverein grundlegend verändert. Die Generation der Gründer musste der jungen Generation Platz machen, die, motiviert durch den SPD-Bundeskanzler Willy Brandt, der SPD in grosser Zahl beigetreten war. Konflikte waren deshalb auch in Wolbeck nicht vermeidbar.
Die Wahl vom 9.11.1969 kehrte das politische Kräfteverhältnis der Parteien um. Mit 11 Mandaten erreichte die CDU die absolute Mehrheit. Das Zentrum fiel auf drei Mandate zurück und die SPD konnte trotz leichter Stimmengewinne nur fünf Mandate erlangen. Unter der Führung des eigenwilligen Fraktionssprechers Dr. Siegfried Neumann gehörten der SPD-Fraktion Egon Bröskamp, Hans Farwer, Bernhard Kaup und Willy Urbscheit an.

1966 war Siegfried Neumann der SPD beigetreten und hatte 1970 Willy Urbscheit als Ortsvereinsvorsitzenden abgelöst. Er brachte neue Ideen in die Ortsvereinsarbeit ein. Der Bau der Schwimmhalle und der Ausbau der Schulen in Wolbeck wurde von ihm aktiv betrieben. Er suchte den Kontakt zur Presse, um so eine objektivere Berichterstattung über die SPD zu erreichen. Durch seine überörtliche Parteiarbeit wurde tendenziell auch die Ortsvereinsarbeit über den beschränkten lokalen Themenbereich hinaus ausgeweitet.

Aber auch die jungen Leute, die seit 1969 in grosser Zahl der SPD beigetreten waren, sorgten für neuen Wind. Bis jetzt hatten die Jusos als Jugendorganisation der SPD keine grosse Rolle im Ortsverein gespielt. Unter der Führung von Horst-Herbert Camen begannen Peter Paul Dreyer, Uwe Gebhard und Ernst Tomkötter mit ihrer politischen Arbeit und es konnte nicht ausbleiben, dass die Juso-AG mit der Gemeinderatsfraktion in einen heftigen Konflikt geriet, der nicht nur auf sachliche Streitfragen begrenzt war, sondern auch Grundsatzfragen des politischen Stils und des persönlichen Umgangs miteinander berührte. Offen entzündete sich der Konflikt an einer Nebensächlichkeit. Die Juso-AG hatte erfolgreich einen Kurs zur damals heftig umstrittenen Mengenlehre durchgeführt. Einen Teil des vereinnahmten Geldes wollte die Juso-AG für die eigene Arbeit frei verwenden. Dem widersprach der Ortsvereinsvorstand. Aus nicht bekannten Gründen trat Siegfried Neumann spätestens im Januar 1972 vom Ortsvereinsvorsitz zurück.

Bis zur Hauptversammlung im September 1972 verwaltete dieses Amt Dr. Dirk Hagemann kommissarisch. Ende August 1972 verständigte sich die Juso-AG darauf, eine erneute Kandidatur von Siegfried Neumann zum Ortsvereinsvorsitz oder die eines von ihm vorgeschobenen Kandidaten nicht zu unterstützen, sondern einen eigenen Vorschlag der Versammlung zur Entscheidung vorzulegen. In einer Kampfabstimmung setzte sich Horst-Herbert Camen durch. Die übrigen Vorstandsfunktionen übernahmen weitgehend die Jusos, weil die alten Sozialdemokraten sich bis auf wenige, unter ihnen Helmut Plaschke, einer weiteren Mitarbeit im Ortsvereinsvorstand verweigerten. Horst-Herbert Camen und seine junge Mannschaft setzte sich durch und fand Anerkennung. Bei der Neuwahl des Vorstandes im März 1973 wurde er mit 42 Stimmen gegen 3 Nein-Stimmen als Vorsitzender bestätigt.

Der Konflikt zwischen den "Jungen" und den "Alten" war damit aber noch nicht ausgefochten; er schwelte weiter. Intern beklagte sich ein Vorstandsmitglied, dass die Gruppe um die Genossen Neumann und Urbscheit seine Arbeit nicht unterstütze, sondern negativ bekämpfe. Öffentlich wurde in der Ortspresse mit Leserbriefen um den politischen Stil gestritten. Den Jusos wurde vorgeworfen, dass sie ihre Kritiker mit Verfahrenstricks und Abstimmungen zu mitternächtlicher Stunde mundtot machen würden. Schliesslich mussten sich auch überörtliche Parteiinstanzen mit dem Streit befassen.

Die Eingemeindung Wolbecks nach Münster 1975 beendete den Konflikt. Einige Genossen verliessen die Partei, unter ihnen Willy Urbscheit. Die Mehrzahl der alten Genossinnen und Genossen hielt dem Ortsverein jedoch Treue, unter ihnen Helmut Plaschke, Egon Bröskamp und Bernhard Kaup, die unter den gewandelten politischen Verhältnissen weiter aktiv blieben.

Über die Gründe dieses Konfliktes kann man weitläufig spekulieren, und immer werden Wertentscheidungen das Urteil bestimmen. Von den Gründen dürften jedoch zwei von allgemeiner Bedeutung gewesen sein. Der erste Grund ist der unbestreitbare Generationenkonflikt, der zwischen 1969-1975 ausgetragen werden musste. Der zweite Grund ist die Durchführung der kommunalen Neuordnung 1975. Es war allen klar gewesen, dass die örtliche Gemeinschaft Kompetenzen und damit Macht an die grössere Einheit abtreten musste. Der etablierten örtlichen Parteispitze gingen damit "Pfründe" verloren, was den Konkurrenzkampf der Interessierten zusätzlich verschärfen musste.

Auch der Ortsverein, repräsentiert durch seine Gemeinderatsfraktion, musste den Machtverlust befürchten und sprach sich gegen die Eingemeindung nach Münster aus. Die neu geschaffenen Bezirksvertretungen konnten diesen Verlust an Einfluss und Ansehen nur zum Teil ausgleichen.

Der Konflikt zeigte aber auch positive Aspekte. Einerseits hatte er die politischen Meinungen im Ortsverein polarisiert, andererseits hatte er aber zugleich auch eine beachtliche Parteiaktivität bewirkt. Die Mitgliederzahl des Ortsvereins war von 53 Ende 1970 auf 110 im März 1973 geklettert. Zu den Versammlungen kam ungefähr die Hälfte der Mitglieder. 46 stimmberechtigte Mitglieder nahmen an der Hauptversammlung am 22.3.1973 teil. Drei Wochen später waren es sogar 56 Genossinnen und Genossen, und im September 1973 lässt sich nach dem Protokoll die Zahl von 51 stimmberechtigten Mitgliedern errechnen.

Doch bald waren die normalen und regelmässig beklagten Beteiligungszahlen wieder erreicht. Im September 1974, als Horst-Herbert Camen zum Direktkandidaten für den Wahlkreis Wolbeck bei den anstehenden Ratswahlen im Mai 1975 gewählt wurde, waren 25 wahlberechtigte Mitglieder anwesend. Bei den Vorstandswahlen im März 1975 waren es noch 20 stimmberechtigte Mitglieder.

4 Wolbeck als Stadtteil von Münster:  1975-1986

Die Eingemeindung Wolbecks nach Münster brachte für den Ortsverein keine einschneidenden Veränderungen. Als 1973/74 erkennbar wurde, dass Wolbeck seine kommunale Selbständigkeit verlieren würde, begannen mehrere Sozialdemokraten, insbesondere Horst-Herbert Camen, die politischen Vorstellungen des Ortsvereins im SPD-Stadtverband Münster zur Geltung zu bringen. Spuren dieser Arbeit finden sich im "Kommunalpolitischen Grundsatzprogramm", das der Unterbezirk Münster 1975 verabschiedet hatte. Bei der Wahl 1975 erlangte Horst-Herbert Camen über die Liste ein Mandat im Rat der Stadt Münster.

Neu geschaffen wurden auch die Bezirksvertretungen in den kreisfreien Städten. Ihre Aufgabe ist es, in dem für den Bürger kaum noch zu überschauenden Verwaltungsapparat einer Großstadtkommune ein Minimum an bürgernaher Verwaltung sicherzustellen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben die Bezirksvertretungen in Münster ein eigenes Profil gewonnen. In der Bezirksvertretung Südost arbeiten die Genossinnen und Genossen aus den Ortsvereinen Angelmodde, Gremmendorf und Wolbeck in einer Fraktion zusammen, die seit 1984 sieben Mitglieder hat. Aus Wolbeck war Uwe Gebhard seit 1975 dabei, seit 1984 war er auch der Fraktionssprecher. Ernst Tomkötter war seit 1979 Bezirksvertreter. Zeitweilig gehörten Rainer Umbreit (1980-1982) und Peter-Paul Dreyer (1983-1984) der Bezirksvertretung an.

Der Schwerpunkt der politischen Arbeit des Ortsvereins lag seit 1975 eindeutig auf dem Feld der Kommunalpolitik. Bis 1977 waren es vor allem die Anbindung Wolbecks an das Busnetz der Stadtwerke Münster, der Ausbau des Schulzentrums und Sportzentrums und die Ausweisung neuer Baugebiete (Goldbrink). Es folgten die Diskussionen um den Flächennutzungsplan 1980 und bis heute die Verbesserung der Verkehrslage in Wolbeck. Als Mehrheitsmeinung setzte sich im Ortsverein die Erkenntnis durch, dass eine positive Entwicklung des Wolbecker Wigbolds nur durch eine Verkehrsentlastung des Ortskerns erfolgversprechend sein kann. Nach heftigen Diskussionen entschied sich der Ortsverein für die Westumgehung als Lösung dieses schwierigen Problems. Gefordert wurde jedoch, dass bei der Realisierung des Bauvorhabens die Auflagen hinsichtlich der Dimensionen und des Charakters der Strasse als innerörtliche Erschließungsstrasse beachtet werden sollten.

Die Arbeit der Ortsvereinsvertreter im Rat und in der Bezirksvertretung war erfolgreich. Auf SPD-Anträge hin wurden die Busverbindungen mit Münster erheblich verbessert; 1981 wurde der Wochenmarkt eingerichtet; 1982 und 1984 erfolgte der Bau der Fussgängerbrücke über die Angel; alternative Verkehrsführungen wurden ausprobiert.

Von den allgemeinen politischen Problemen beherrschten die Fragen nach der Friedenspolitik, der Ökologie und der Wirtschaft die Diskussionen. Immer wieder wurde vom Ortsvereinsvorstand die Frauenpolitik zur Sprache gebracht, jedoch waren einer aktiven Auseinandersetzung mit dieser Problematik wegen der geringen Mitarbeit von Sozialdemokratinnen im Ortsverein Grenzen gesetzt.

Gravierende Konflikte hat es seit 1975 im Ortsverein nicht mehr gegeben. Der Wechsel des Ortsvereinsvorsitzes 1981 von Horst-Herbert Camen auf Winfried Welter und 1985 auf Ernst Tomkötter war in der Arbeitsüberlastung durch das Ratsmandat begründet. Berufliche Überlastung zwang auch Ernst Tomkötter, im Juni 1986 vom Vorsitz zurückzutreten. Bis zur folgenden Hauptversammlung im September 1986 verwaltete Stefan Evers den Vorsitz kommissarisch.

Für einige Irritationen sorgte die Nominierung des Wolbecker Ratskandidaten für die Wahl im September 1984. Überraschend war Peter Paul Dreyer als Gegenkandidat zu Horst-Herbert Camen aufgetreten. In dieser Situation entschloss sich auch Winfried Welter zur Kandidatur und wurde knapp gewählt. Bei manchem war der Eindruck der Undankbarkeit gegenüber Horst-Herbert Camen entstanden. Günstige Umstände bewirkten jedoch, dass Horst-Herbert Camen ein Wahlkreis im Ortsverein Hansa-Hafen angetragen wurde und er wie Winfried Welter 1984 über die Liste in den Rat einzog.

Im Zusammenhang mit der Kommunalreform 1975 gelangte Angelmodde-Dorf zum Ortsverein Wolbeck. Dies führte zu Verstimmungen mit den Genossen aus dem Ortsverein Angelmodde. In der Zusammenarbeit in der Bezirksvertretung und im Rat wurden diese Spannungen inzwischen weitgehend abgebaut.

Trotz der hohen Fluktuation der aktiven Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten vor allem im Juso-Alter durch Ausbildung und Beruf bestimmte im wesentlichen die personelle Kontinuität die Ortsvereinsarbeit. Die Zahl der Mitglieder pendelte um die 100. Neue Kräfte und Ideen wurden bruchlos integriert.

Vor allem Winfried Welter versuchte als Vorsitzender neue Formen und Strategien der politischen Arbeit zu realisieren. Von diesen Aktivitäten, die seit 1975 zum Teil sehr erfolgreich erprobt wurden, sind die regelmässigen Info-Stände auf dem Wochenmarkt hervorzuheben, eine Seminarreihe zur Verkehrspolitik in Wolbeck, ein Wochenendseminar in Kappenberg mit Kind und Kegel, ein Seminar zur Fortschreibung des Godesberger Programms, Abende am Kamin und Hausbesuche zur Mitgliederaktivierung, die traditionellen Maigänge in unterschiedlichen Formen und - last but not least - das erste Grünkohlessen im Dezember 1976, bei dem der 30. Geburtstag des Ortsvereins mitgefeiert wurde.

In dieser Reihe stand auch die Festveranstaltung anlässlich des 40-jährigen Bestehens der SPD in Wolbeck am 12.07.1986.

Autor dieses Beitrages: Dr. Ulrich Richter (1986)
Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Festschrift anlässlich des 40-jährigen Bestehens der SPD in Wolbeck. Hinsichtlich der Belegstellen wird auf diese Ausgabe verwiesen.

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letzte Bearbeitung: Montag, 19. Mai 2003